Erasmus in Padua

Bernds wunderbares Erasmus Jahr in Padua, Italien

Donnerstag, Oktober 13, 2005

altes e-mail: "Algebra Karaoke"

Ich befinde mich hier in Padua in einem Interessenkonflikt:
zum einen gibt es das Erasmus-Leben, das ist so wie
Maturareise. Ich lerne noch immer ständig neue Leute kenne;
von Anfang an habe ich mir die Namen am Ende eines Tages
aufgeschrieben und versuche sie auswendig zu lernen - auf
den Parties wird es nie fad. Inzwischen beginnt übrigens
auch schon der Tratsch untereinander, so von der Art: hast
gewusst, dass der und die...
Zu meiner großen Freude sind die allermeisten auch sehr
offene Menschen, begierig, neues kennenzulernen usw. Manche
können mehrere Sprachen, gutes Englisch wird vorausgesetzt,
langsam unterhalten wir uns auch manchmal auf Italienisch.
Wenn dein Gegenüber auch nur stammelt, geht's ja lustig
dahin. Schlimm sind nur die Spanier, die so tun als würden
sie Italienisch reden und in Wirklichkeit reden sie
Spanisch mit ital. Wortbrocken/Aussprache.

Gestern abend war wieder einmal Erasmus-Party in der Disko
"Banale"; ich habe meinen amerikanischen Studienkollegen
Steve (er ist 29 und kein Erasmus-Student mehr) mitgenommen
und sehr viel Spaß gehabt.
Heute abend ist Karaoke-Singen in einem Pub angesagt; für
Erasmus-Studenten gibt's 10% Rabatt auf alle Getränke...

Auf der anderen Seite ist die Uni. Wie ich meinen Wiener
Studienkollegen (nicht vergessen: Mario ist offiziell
Wiener!) schon auseinandergesetzt habe, ist das Angebot
hier wunderbar. Ich habe einige Fächer belegt, allesamt
Algebra - und plötzlich gefällt mir Mathematik irrsinnig
gut; Mir kommt es so vor, als würde das Studium jetzt erst
anfangen (obwohl ich daheim schon dauernd vom Fertigwerden
gesprochen habe). Ich kann mir gut vorstellen, dass ich
jetzt "reinkippe". Auch eine weitere theoretische
Beschäftigung kann ich mir inzwischen schon besser
vorstellen, aber das wird die Zukunft zeigen...
Einer der Professoren, Sullivan, verlangt sehr viel von uns
- er fordert Wiederholungen/Hausübungen an der Tafel, gibt
Literaturlisten aus, ist aber sehr nett. Man kann jederzeit
hingehen und in fragen; schlauer wird man dann aber nicht,
eher verwirrter.
Dadurch dass die ALGANT-Gruppe (das sind die
internationalen Freaks, mit denen ich viel zu tun habe)
momentan für eine Woche in Bordeaux ist, waren Steve (s.o.)
und ich heute die einzigen in seinem Kurs; also hat er uns
über zwei Stunden auf den holen Zahn gefühlt... und das
nach der Erasmus-Party gestern abend...
Das war für mich so ein typischer Moment, wo ich mir
gedacht habe: mehr lernen, weniger fortgehen! Ergo:
Interessenkonflikt.

Das alles hier (die internationale Atmosphäre sowohl auf
der Uni als auch beim Fortgehen, die Fremde, und das Gefühl
von Neuanfang) gefallen mir irrsinnig gut.
Ich hatte ja im letzten Jahr noch ganz andere Vorstellungen
vom Leben - ruhigere Vorstellungen. Ich dachte, hier bekäme
ich Sehnsuch nach der Heimat, doch das Gegenteil ist
eingetreten: das Fernweh ist stärker denn je. Ich kann es
mir inzwischen sehr gut vorstellen, meine Dissertation (das
ist jetzt paradoxerweise sehr viel weiter weg als noch im
Sommer) im Ausland zu schreiben. Irgendwo, wo's mich halt
hinverschlägt...