Erasmus in Padua

Bernds wunderbares Erasmus Jahr in Padua, Italien

Dienstag, Oktober 11, 2005

erste Eindrücke zur hiesigen Mathematik

Liebe Freunde der Königin der Wissenschaften!

Das mathematische Angebot an der Uni Padua ist großartig,
leider musste ich eine Auswahl treffen, weil sich ein paar Sachen
überschneiden und außerdem bin ich ja hauptsächlich zum
Feiern da :-)
Ich habe schon erwähnt, dass es hier eine
Spezialisten-Truppe namens ALGANT gibt. Hinter dem Kürzel
verbirgt sich: Algebra, Geometry and (Algebraic) Number
Theory - voll ins Schwarze getroffen. Das ist ein
zweijähriger Master-Lehrgang in Kooperation mit den Unis
Padua, Bordeaux und Leiden (Niederlande), d.h. wenn man
da teilnimmt und alles brav mitmacht, hat man nachher seinen
Master. Die müssen aber ziemlich viele Stunden machen in
den betreffenden Gebieten. Auf jedem Fall verdanke ich
dem ganzen, dass alles auf Englisch ist.
Ich habe mir insgesamt 4 Vorlesungen (die Vorlesungen
sind jeweils 6 Stunden pro Woche, 8 Wochen lang, d.h. man kann
sie sehr gut mit 4-stündigen Vorlesungen vergleichen, die
über ein Semester gehen) näher angesehen:

1) Crittografia - leider ist das eine Einführung wie ich
sie bei Schoissengeier schon gehört habe, aber gegen Ende
des Trimester gehe ich sicher hin, weil da geht es dann
um Sicherheitsprotokolle im Internet. Die VO ist gemeinsam
mit Informatikern und deshalb machen die jetzt am Anfang eine
Einführung in Kindergarten-Zahlentheorie.
Der Typ selber beschäftigt sich übrigens mit ganz anderen
Leckerlis: (wenn ihr mich sehen könntet, was ich gerade
für ein Funkeln in den Augen habe) Analytische Zahlentheorie,
oder um's noch deutlicher zu machen: Riemann'sche
Zetafunktion. Vielleicht ist er ein Gralsritter...

2) Teoria di Numeri 1 - klingt ja ganz harmlos, habe ich
mir gedacht. Dann war ich dort und das Programm an der
Tafel war mehr oder weniger das, was ich in der
Algebraischen ZT bei Baxa gehört habe - und das ist der
erste Teil! Im zweiten Trimester macht er
Klassenfeldtheorie, das ist verdammt kühler Scheiss in
Algebra.
Der Professor heißt Baldassari und ist auf seinem Gebiet
recht bekannt. Er kann perfekt Italienisch, Englisch, Französisch,
Deutsch,.. und er ist so hektisch wie der Rindler (ungewöhnlich
für einen Algebraiker). Seine Beweise führt er selten zu
Ende, Def. und Lemmata macht er, wenn er sie gerade
braucht - mitschreiben ist da eine Katastrophe. Aber es gefällt
mir, vor allem deshalb, weil er en passant die halbe Galoistheorie gemacht
hat.

3) Algebra Commutativa - wird von einem Amerikaner,
Francis "Uncle Frank" Sullivan gehalten. Ich brauch die kommutative
Algebra (4-stünd.) auch für meinen 2.Abschnitt, darum ist
das der einzige Kurs, den ich dieses Trimester wirklich
machen muss. Das Problem ist, dass Uncle Frank gut ist
auf seinem Gebiet und sich nicht vorstellen kann, dass man
kein Experte in Algebraischer Topologie, Kategorientheorie
oder zumindest Kohomologischer Gruppentheorie ist. Er schreibt
sehr durcheinander und in KA braucht man dauernd
Diagramme, die er dann und wann auch ändert oder weglöscht. Zum
Glück schreibt er in Tex seine Lecture Notes (noch!, wer weiß
wie lange!). Und als ob das nicht genug wäre, will er die VO
gleich als VO/Proseminar führen, man muss an der Tafel
vorrechnen, Hausübungen machen usw. Hier werde ich sicher was lernen,
vielleicht mehr als ich wissen wollte - zum Glück habe ich
mir von Schoissengeier ja ein gutes Algebra-Buch empfehlen
lassen, das lese ich jetzt immer wieder einmal, damit ich
zumindest verstehe, wovon Uncle Frank so redet. Zum Glück
sind die anderen auch alle entsetzt über ihn - was soll's,
er ist ein netter Kerl.

4) Einführung in Ringtheorie - 4-st. VO über nicht-komm.
Ringe. Da ist alles drin, was Spaß macht: als Einführung
haben wir einmal die drei Isomorphiesätze wiederholt und
uns lang überlegt, wann irreduzibel prim impliziert.
Der Typ ist hoffnungslos fad. Er schreibt alles aus einem Buch
ab und dadurch, dass ich sowieso parallel Italienisch habe,
werde ich - wenn überhaupt - die Mitschrift kopieren und dann lernen.
Der Stoff ist recht hilfreich, um Uncle Frank's Beispiele
nachvollziehen zu können (die fangen übrigens meist so an:
let f be a morphism between to left R-modules oder irgendsoetwas).

Im Laufe des Jahres werde ich dann vermutlich folgende
Kurse machen (der Stundenplan ist jetzt endlich online):
Modultheorie (beim selben, der jetzt Ringtheorie macht),
Zahlentheorie 2, Algebraische Geometrie 1&2 (da läuft mir jetzt schon
das Wasser im Mund zusammen), Gruppentheorie (für mich ein Pflichfach)
und ev. noch eine Vertiefung, Cohomologie und Homologie.

Realisterweise werde ich das nicht alles machen, aber mir
zumindest einmal ein bissl was anschauen.